Der Bruderkrieg
Thema: Bruderkrieg
Klassenstufe: 9/10
Bezug zu anderen Themen: Geschichte
Adrienne Thomas: Die Katrin wird Soldat
Die elsässische Tragik bestand in allen militärischen Konflikten darin, dass sie Beziehungen zu den beiden kämpfenden Nationen hatten. Dies waren einerseits Verwandte oder Bekannte, die im jeweiligen Land lebten, andererseits die gefühlsmäßigen Bezüge zu beiden Kulturen. Immer wieder kam es auch zu Situationen, in denen die Elsässer von ihren jeweiligen Machthabern dazu gezwungen wurden, am Kriegsgeschehen teilzunehmen, obwohl sie sich mit den Kriegszielen nicht identifizieren konnten. Die "malgré- nous" im Zweiten Weltkrieg etwa mussten nach ihrer Rückkehr damit rechnen, dass sie von der Bevölkerung abgelehnt wurden, weil sie "auf der falschen Seite" gekämpft hatten.
Auch die Südpfalz geriet im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zwischen die Fronten und wechselte häufig ihre Besitzer/Besatzer.
Einzubeziehen sind auf jeden Fall die Texte aus dem Kapitel "Romeo und Julia an der Grenze" (Sek I und II).
Elsässischer Kinderreim
Dass Kriege das Leben im Elsass bestimmt haben, zeigt schon ein alter Kinderreim:
Es rajelt, es schnejelt,
es geht e kiehler Wind.
D' arme Soldate
marschiere mit de Flint.
D' Flint uf 'm Buckel,
de Sawel in de Hand,
adje liewer Vadder,
jetz wurr i Müsikant!
Aus: Équipe Départementale 1986, 48
Anregungen für den Unterricht
- Dass ein Kinderreim so das Thema des Krieges aufnimmt, zeigt, dass das Elsass eine Region war, die von zahlreichen Kriegserfahrungen betroffen wurde: Informiert Euch darüber, wer wann mit wem in der Region gekämpft hat. Welche Orte waren besonders betroffen?
Adrienne Thomas: Die Katrin wird Soldat
Adrienne Thomas' Anti-Kriegsroman "Die Katrin wird Soldat" (1930), der auf authentischen Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg beruht, wurde zu einem Bestseller und vor allem als Mädchenbuch empfohlen. Adrienne Thomas (eigentlich Hertha Adrienne Strauch 1897-1980) aus dem lothringischen Saint Avold aber wurde 1933 zu einer "verbrannten Schriftstellerin", die nach der Emigration nach Österreich, Frankreich und in die USA literarisch nicht mehr Fuß fassen konnte. Thomas verbrachte ihre Jugend in Metz, wo sie zweisprachig erzogen wurde. Wie die Katrin in ihrem Roman siedelte sie während des Ersten Weltkriegs nach Berlin über und arbeitete als Rotkreuzschwester. Adrienne Thomas gelingt es in ihrem Roman, glaubhaft Kritik am Krieg zu üben. Durch die Beschreibung der Entwicklung von Katrin vom naiven Mädchen zur illusionslosen Kriegsgegnerin wird dabei eine Auseinandersetzung mit dem Thema dargestellt, die auf die spezifische Situation von Frauen an der "Heimatfront" eingeht.
Adrienne Thomas: Die Katrin wird Soldat (1930)
Der Roman beschreibt die Entwicklung der Cathérine Lentz aus Metz, einem "verwöhnten Püppchen aus gutem Hause", in Form ihres Tagebuches von 1914 bis 1917. Den Krieg sieht sie von Anfang an mit skeptischen Augen, ist er doch daran schuld, dass ihr Freund Lucien von ihr getrennt wird, weil er in die französische Armee eingezogen wird. Sie, die in einem deutsch-französischen Milieu aufgewachsen ist, sieht auch alle anderen Jungen (und damit ihre Verehrer) um sie herum in den Krieg ziehen, je nach Herkunft in der deutschen oder französischen Armee. Sie wird Sanitäterin wie alle Frauen und Mädchen um sie herum, weil auch sie zeigen will, dass sie "dem Vaterland" - für sie ist das zufällig Deutschland, weil ihre Eltern sich als Deutsche wahrnehmen - dienen kann, wenn auch in einem Krieg, dessen Sinn sie nicht ganz einsieht. Der Krieg zerstört ihre heile Welt: Sie arbeitet verbissen weiter im Lazarett, ein Briefwechsel mit Lucien zeigt ihr, wie unmoralisch und sinnlos das Kämpfen an der Front ist. Sie stirbt an einer Lungenentzündung.
2. Februar 1915. Ein Mann ist vor siebenundzwanzig Jahren aus dem deutschen Militärdienst nach Frankreich desertiert, fand dort Beschäftigung, heiratete die Tochter eine wohlhabenden Fermiers, und es ging ihm gut. Seine vier Töchter sind mit Franzosen verheiratet, seine Schwiegersöhne kämpfen auf französischer Seite. Er hat sich - vielleicht aus einem Rest Heimatliebe - nicht naturalisieren lassen. Die Franzosen behandeln ihn wie ihresgleichen, auch während des Krieges. Und es kommen nach siebenundzwanzig Jahren seine Landsleute, besetzen sein Dorf, erhalten - weiß der Himmer wie - Kenntnis von der Torheit oder Verfehlung, begangen vor einem halben Menschenalter. Und - haben jetzt, mitten im Krieg, gar keine anderen Sorgen, als diesen Deserteur zu verhaften. Nun soll er hier vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Eine besonders menschenfreundliche Seele scheint ihm noch eingeredet zu haben, dass auf sein Vergehen Todesstrafe stehe. Der Mann sitzt ganz gebrochen vor uns, ist aber etwas erleichtert, als wir ihm zureden und Doktor Heilbrun ihm versichert, er werde wohl , was das Schlimmste noch nicht sei vorerst eingesperrt und bei Kriegsende begnadigt.
Als Doktor Heilbrun mit uns aus den Baracken geht, sagt er: "Gesetzmäßig oder nicht: haben die Leute in den Etappen gar nichts anderes zu tun?"
Aus: Thomas, Adrienne: Die Katrin wird Soldat, Berlin 1930, 244 f.
Anregungen für den Unterricht
- Schreibt die Episode aus Katrins Tagebuch um in eine patriotische Zeitungsnotiz.
- Informiert euch über das Schicksal der Autorin Adrienne Thomas, vor, während und nach ihrem Exil.
Literaturhinweise:
Kliewer, Annette: Adrienne Thomas, eine kosmopolitische Lothringerin. In: Allmende 46/47, 1995, 119-125.
Heinz Lorenz-Lambrecht: Die Spieldose
Über den Autor Lorenz-Lambrecht ließ sich nur herausfinden, dass er einen Roman über Die "Leiden der Evangelischen im Elsass" schrieb (Der Koloß. Das Schicksal eines Volkes, Ludwigshafen 1933) und nach 1945 in Neustadt an der Weinstraße führender Kopf in einem literarischen Zirkel mit dem Namen "Die Landsknechte der Weinstraße" war.
Der Text ist Beispiel für einen militaristischen Pseudo-Pazifismus: Alle Soldaten der Welt - und seien sie auch Feinde - können sich eins fühlen in ihrem Ringen um den Frieden. Die ähnliche Bedrohung, die ähnliche Lebenssituation führt zu einer absurden Solidarität über alle Grenzen hinweg. Ganz anders als bei Thomas ist diese Haltung aber nicht mit einer pazifistischen Kritik am Krieg verbunden, sondern wird integriert in ein fragwürdiges Soldaten-Ethos. Zitiert wird der Schluss der Erzählung.
Heinz Lorenz-Lambrecht: Die Spieldose
Der einfache Gefreite Ruch findet während der deutschen Besetzung auf einem Pariser Flohmarkt eine Spieluhr, die er für seine Verlobte in Deutschland kauft. Diese Spieluhr spielt drei Melodien von Mozart und wird zu einer Art Maskottchen für seine Kompanie. Gleichzeitig tritt er durch sie aus dem Schatten seiner mittelmäßigen Existenz. Eines Tages finden alle in der Spieluhr einen Zettel mit einem französischen Gedicht.
"Unterschrieben ist das Gedicht mit 'Raymond'. Und darunter steht noch eine Zeile. Die hat wohl das Mädchen Madeleine geschrieben. Sie lautet: Raymond ist am 12. September 1914 gefalllen. Oh, mein Gott!"
Und er wiederholte leise, in tiefer Nachdenklichkeit: "Oh, mein Gott...!"
Es war sehr still geworden, Keiner der Soldaten wagte sich zu bewegen. Sie standen und saßen wie zu einer Gruppe erstarrt und sahen vor sich nieder oder auf das zierliche Kästchen auf dem groben Tisch.
Sie dachten nach. Über das Mädchen Madeleine dachten sie nach. Wie es wohl aussah? Und wie es geweint hatte, als es die Nachricht von dem Tod des Geliebten erhielt. Wie es mit tränenüberströmtem Gesicht dem süßen Klingen der Spieldose gelauscht hatte. 12. September 1914... ! An der Marne vielleicht. Am Ende waren sie im vergangenen Frühling an seinem Grab vorbeimarschiert, am Grab eines Helden vom Krieg ihrer Väter!
Es war schon seltsam, das alles!
Und jetzt besaß Ruch die Spieldose. Und auch er hatte eine Braut daheim, der er sie zum Geschenk mitbringen wollte. Und der Krieg dauerte noch...
Ruch aber streckte jetzt zögernd die Hand nach dem Kästchen aus und schob den kleinen Knopf zur Seite, der das Räderwerk auslöste.
Und in das große ernste Schweigen der Kameraden hinein perlte silbern die zierliche Melodie: Als ich noch im Flügelkleide...
Aus: Lorenz-Lambrecht, Heinz: Die Spieldose. In: Siegrist, Reinhold (Hrsg.): Lebende Dichter um den Oberrhein (Lyrik und Erzählung). Karlsruhe: Deutscher Scheffel-Bund im Reichswerk Buch und Volk 1942, 683- 692, 692
Anregungen für den Unterricht (zu Thomas und Lorenz-Lambrecht)
- In welcher Weise greift der Krieg in das Leben der beschriebenen Personen ein? Was ändert sich zum Negativen, was zum Positiven?
- Wie nehmen die Texte das Motiv des "Bruderkriegs" auf?
- Unterstützen die Texte eher die Kriegsideologie oder sind sie eine Kritik am Krieg? Welche Argumente werden positiv oder negativ vorgetragen?
Michael Bauer: JÜMELAASCH
Michael Bauer (geb. 1947) war Lehrer, Chansonnier und Kabarettist, ist Rundfunkredakteur und Schriftsteller. Bekannt wurde Bauer zunächst durch seine Figur des "Meier Jean", den er in seinen Liedern und Gedichten pfälzische Alltagsweisheiten äußern ließ. In dem folgenden Text macht er sich über die deutsch-französischen Verbrüderung lustig, die versucht, missliebige Situation in der Geschichte zu verdrängen: die pfälzischen Separatismus-Anläufe in den 20er Jahren und die gegenseitigen Verletzungen in den verschiedenen Kriegen (1870/71, 1914-1918, 1939-1945), die "braunen Kinder", die aus Beziehungen mit nordafrikanischen Soldaten hervorgegangen sind, die für die französischen Alliierten gekämpft hatten. Er hebt den spielerischen Charakter der Konflikte hervor (als Kinderspiel oder als Lottospiel), was durch die pseudo-naive Benutzung des Dialekts ergänzt wird.
Michael Bauer: JÜMELAASCH
Hopp, mer spielen,
mer wär'ns net gewest.
Mer hätten eich nie getroff.
Un ihr uns aa net.
Domols war alles noch
in Schwarzweiß.
(Blutspur nur noch dunkel
in Erinnerung un in Schmal
spur. Auch die Träum; un
geheuer ungenau!)
Gekreizte Schwerter?
Im Grund doch nur
uffem Grund vun de Sammeltasse
beim Freundeskreis - Kränzche.
(Die braune Kinner sin doch schun lang
groß oder dot. Un wehe es saat änner
Separatismus - Sofort erschlaa vum
Place-de-Partnergemeinde-Strooßeschild! )
7o. 71. 14. 18. 39. 45.
ZusatzzahlVierzudrei nach Elfmeterschießen.
Und du bischt jetzt still.
un gucksch net so infanterriblisch.
So schümmlonoxisch.
S doch alles total verfreundet!
Aus: Bauer, Michael: Heimat-Maladie. Mit einem Nachwort von Gabriele Weingartner und Bildern von Ines Braun, Blieskastel 1997, 61 f.
Anregungen für den Unterricht
- Kläre Bauers Wortneuschöpfungen und seine Anspielungen auf geschichtliche Ereignisse.
- Wie geht der Sprecher des Gedichts mit der deutsch-französischen Freundschaft um? Was wird kritisiert?
Autorin: Annette Kliewer
Weiter zu
Zurück zur Übersicht.






