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Das neue Hörspiel

Hörspiel-Studio des SWR in Stuttgart. Bild: mco

Die Einführung der Stereophonie und die damit verbundene Variabilität des Raumes und seiner darin agierenden Personen erweiterte die Möglichkeiten des Hörspiels erheblich: Die Gleichzeitigkeit rhetorischer Aktionen und Disputationen ließ sich in neu erschlossenen Hörachsen nahezu beliebig erhöhen. Die damit verbundene Entindividualisierung des sprechenden Subjekts im Hörspiel erfuhr eine neue akustische Dimension. Ernst Jandl und Friederike Mayröcker erprobten die Verfahren in Fünf Mann Menschen (1968). Im Neuen Hörspiel experimentierten die Autoren mit politischer Sprachkritik einerseits (Wondratschek, Hoffer, Harig, Pörtner, Cage, Wühr) und zeigten die Isolierung der Hörer vor dem Massen-Medium Radio. Die Verfahren des Neuen Hörspiels spielen in den neunziger Jahren in Deutschland keine entscheidende Rolle mehr. Das traditionelle epische Hörspiel ist weiterhin ausschlaggebend in der öffentlich-rechtlichen Radiokunst. Trotz Vormarsch des Fernsehens ist der Bestand der Hörspielsendungen quantitativ nicht gesunken.. Der Karl-Sczuka-Preis des SWR scheint im übrigen die experimentelle Verknüpfung von Musik/Klang mit Wort/Sprache in den letzten Jahren vorangetrieben zu haben. Hörspielkompositionen von Heiner Goebbels, Ronald Steckel, Luc Ferrari und Andreas Ammer belegen die erweiterte rhetorische und radiophone Sinnlichkeit im Hörspiel und den kalkulierten Medientransfer zwischen Wort und Musik, sind Indiz für Symbiose und Vernetzung traditionell getrennter Gattungen und Spielorte.

Die Möglichkeiten der Technik führten in den siebziger Jahren dazu, mit Textmaterial anders als im klassischen Hörspiel umzugehen. Stimmen konnten stereofon verteilt werden, Blenden und Schnitte waren vermehrt möglich. Das Wort als akustisches Ereignis wurde aus seinem Kontext herausgelöst und als Klangmaterial weiter verarbeitet.

Das Neue Hörspiel machte sich vor allem die Möglichkeit der Wortoperationen zunutze. Wörter werden nach mathematischen Regeln neu zusammen gesetzt, der Sinn ändert sich, Wörter und Sätze bekommen eine musikalische Dimension durch Wiederholung; das Arrangement ähnelt den in der Musik angewendeten Verfahren.

 

Zusätzlich erhielt das Geräusch, die Musik und der Klang eine Aufwertung gegenüber ihrer Verwendung im klassischen Hörspiel, sie standen gleichwertig nebeneinander.

 

Der Dadaist Kurt Schwitters definiert 1924 das Wort als:

1. Komposition von Buchstaben

2. Klang

3. Bezeichnung im Sinne von Bedeutung

4. Träger von Ideenassoziationen.

 

 

Musik im Hörspiel

Die Musik dient häufig lediglich als Hintergrund in Form kaum hörbarer Atmo. Sie kann weiterhin zur Fixierung des Ortes der Handlung durch Verwendung charakteristischer Motive und typischer Klangfarben dienen.

 

Darüber hinaus zeichnet die Musik psychische Situationen und deren Wandlungen durch melodische und akkordische Elemente. Auch die Intensität des Dialogs kann durch Dynamik, Tempo und Rhythmus unterstützt werden.

 

Die gängigste Verwendung von Musik zielt auf die Gliederung des Hörspiels oder Features durch Melodien und kleine Zwischenakt- und Rahmenstücke. Dies hat eine gewisse Tradition, denn: lange Zeit diente die Musik in Anlehnung an das Theater als Einleitung und "Vorhang" zwischen den Akten.

 

Musik betont die Grundstimmung einer Szene oder des ganzen Stücks, sie stellt die Gemütszustände der Figuren dar. Zwischenmusik wirkt anstelle des Auftritts, pomphafte Musik anstelle einer Massenszene, Musik anstelle eines Bühnenbilds oder einer Landschaft.

 

Musik kann auch auf etwas Vergangenes verweisen, auf Erinnerungelemente von Personen, oder auf früher Geschehenes. Durch einen Musikwechsel werden Stimmungen in die unmittelbare Gegenwart des Hörstücks geholt. Wenn zeitgenössische oder Mode-Musik eingesetzt wird, gibt sie einen Eindruck vom "Zeitgeist", zeichnet sozusagen ein Bild, um eine Handlung symbolhaft einzubetten.

 

Besonders Mauricio Kagel, Dieter Schnebel, Johannes Fritsch, Bruno Maderna, John Cage, Siegried Franz (Hörspiel: Der Tiger Jusuf), Hugo Pfister und Winfried Zillig haben sich als professionelle Musikkomponisten betätigt.

Hörbeispiel:

  Zauberei auf dem Sender von Hans Flesch. Es wurde als erstes deutsches Hörspiel am 24.Oktober 1924 ausgestrahlt. Mehr...

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Autor: Christian Hörburger, MediaCulture-Online

 

 

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Literaturtipps: Das neue Hörspiel

Reinhard Döhl:
Walter Benjamins Rundfunkarbeit.

Johann M. Kamps:
Beschreibung, Kritik und Chancen der Stereophonie im Hörspiel.