Das mehrsprachige Hörspiel
Von den unerschöpflichen Möglichkeiten, welche die Hörspielarbeit bietet, soll hier nur ein einfaches Modell beschrieben werden, welches kein Tonstudio und auch keine tontechnische Nachbearbeitung erfordert. Es handelt sich um das Stimmspiel, in dem auch alle Nebengeräusche mit den Stimmen erzeugt werden. Das hat den Vorteil, in kürzerer Zeit und ohne Außenaufnahmen Hörszenen produzieren zu können. Für Kinder ist es oft wichtig, Ergebnisse möglichst kurz nach der Aufnahme hören zu können. Es wäre der falsche Weg, die Aufnahmen zu sammeln und fortzutragen, um sie zu überarbeiten und in eine mit ihnen nicht abgesprochene Dramaturgie zu setzen. Besser ist es, so transparent und nachvollziehbar wie möglich zu arbeiten. Irgendwann einmal wird der Wunsch nach einer bestimmten Gestaltung im Nachhinein kommen. Dann wäre diesem Konzept ein weiteres anzuschließen, das mit den Möglichkeiten von z.B. einem digitalen Audioschnittplatz vertraut macht.
Die Grundstruktur des nachfolgenden Modells ist beliebig erweiterbar. Ausgangsbasis sind Linearität der Handlung ("Und dann-Geschichte") und eine klare Gliederung in logisch aufeinander folgende Einzelszenen.
Zuvor müssen einige wichtige Entscheidungen getroffen werden, um die Lust am Spiel und Experimentieren zu erhalten und die Sache nicht zur "Leseübung" werden zu lassen.
Improvisieren, nicht Lesen:
Improvisieren hat den Vorteil, dass die Aufnahmen sehr spontan und lebendig werden. Die Kinder agieren wie in einer Theaterszene und entwickeln dabei ihre Dramaturgie. Auch wenn die Aufnahme dann nicht technisch perfekt wird und die Kinder manchmal am Mikrofon anstoßen, ist es immer besser, die Natürlichkeit aufzunehmen (mit all den "Hopplas", die mitunter dabei sind). Eine Aufnahme ist dann gelungen, wenn die Kinder das Mikrofon völlig vergessen haben.
Wenn Lesen, dann lange Proben:
Einige "Talente" werden beim Lesen gleich den richtigen Ton treffen. Aber bei vielen Kindern wird das Lesen vor dem Mikrofon zum Kampf der Buchstaben gegen die Stimme. Oft wird das Gelesene zur bloßen Information, wenn ein Mikrofon "aufnahmebereit" ist. Um die Emotionalität wieder zu erlangen, müssen wie beim Proben eines Theaterstücks längere Sprechproben einkalkuliert werden.
Themen für Hörspiele:
Fruchtbar sind immer Situationen, die den Kindern aus eigenen Erlebnissen oder Beobachtungen vertraut sind und in ein narratives Gewand gekleidet werden können, zugleich aber auch Dialogszenen möglich sind. Dabei ist Einfachheit ein wesentlicher Faktor. Alltägliche Situationen mit nicht mehr als einer Verwicklung bieten oft Stoff genug. Gut ist es auch, Themen zu wählen, bei denen bei den Aufnahmen vielfältige Hintergrundsgeräusche möglich sind (z.B. Straße, Restaurant, Spielplatz), denn so können viele Kinder eingebunden werden. Wenig versprechende Themen sind meistens solche, die vorgegeben sind, und zu denen die Kinder keinen emotionalen Bezug haben und damit das Gefühl bekommen, für andere Zwecke missbraucht zu werden (z.B. 100 Jahr-Feier der Schule oder Besuch einer hochgestellten Persönlichkeit).
Beispiele für Themen:
Ein kleiner Hund kläfft im Autobus alle Fahrgäste an
Der Besuch im neuen Schwimmbad
Die Überraschung bei der Geburtstagsparty
Die Panne mit dem Fahrrad
Im Affenhaus des Zoos
Das Geisterschloss
Ein Schifffahrt
Drei Streiche
Heimlich in der Küche eines Restaurants
Umsetzung der Hörspielideen in Einzelaufnahmen:
Wenn das Thema gewählt ist, geht es um eine einfache Umsetzung. Gut ist es, sich auf wenige Hörszenen zu beschränken, da ja jeder Teil in zwei Sprachen wiedergegeben werden muss. Bei z.B. zwei Hörszenen (H) ergeben sich drei Erzählteile (E), zwischen denen die Hörszenen liegen:
E1 - H1 - E2 - H2 - E3
Thema sei beispielsweise "Vier Personen im Geisterschloss". Jetzt geht es darum, eine einfache Handlung auszudenken, etwa: Vier Leute übernachten im Geisterschloss XY. Zuerst verirren sie sich, rufen einander, während es überall spukt, finden einander und schlafen aus Furcht im selben Raum.
Hier nun eine mögliche Aufteilung (Die Kinder können natürlich alles selbst improvisieren. Dieses Beispiel ist einem Hörspiel entnommen, in dem alle Texte spontan erfunden, kurz geprobt und gleich aufgenommen wurden):
E1: (Einleitung) Hallo, ihr. Wir erzählen euch vom Geisterschloss XY. Vier Leute treffen in der Nacht auf ein Geisterschloss, haben es betreten und sich gleich verirrt. - Stimmt's? - Ja, stimmt. Hören wir uns das an.
H1: Spukgeräusche, Geister- und Gruselstimmen. Leute rufen einander. Martin! Wo bist du? - Karin, ich kann dich nicht finden! - Hassan, hilf mir, ein Geist verfolgt mich! - Klementina, da ist ein Schatten! Hilfe! - Oh, da seid ihr ja. Wisst ihr was: Wir schlafen dort unten in der kleinen Kammer. Gut!
E2: Die Leute hatten einen tiefen Schlaf. Sie träumten nicht. Am Morgen wachten sie. - Ich glaube, alle hatten Hunger.
H2: Leute gähnen. Guten Morgen, habe ich tief geschlafen. - Ich auch! - Ich auch! - Sagt mal, wo sind wir eigentlich? - Im Geisterschloss! Iii! Schnell weg von hier! Bevor die Geister wieder aufwachen!
E3: Seltsam, Hassan, hast du einen Geist gehört? - Nein, die waren alle verschwinden. - Das ist schon komisch. Was glaubt ihr? Ja. - Ja. Naja, wenn sie nicht gestorben sind, so laufen sie noch heute.
Nachdem die Handlung mit den Kindern präzisiert und ungefähr abgeklärt wurde, was die Erzählerinnen und Erzähler für Rollen sprechen könnten, wird eine Szene nach der anderen einzeln durchgesprochen, geprobt und gleich aufgenommen.
Szenenprobe und Aufnahme der Einleitung:
Das Erzählteam bespricht, ob und wie es die Hörerinnen und Hörer begrüßen möchte und was es über das Thema preisgeben will (Achtung: Manchmal nehmen Erzähl-Kinder den gesamten Inhalt vorweg. Deshalb ist es gut, sich auf einen Satz zu einigen). Dann geht es um die "Schnittstelle" zwischen den Sprachen. Welche Sprache beginnt? Wenn das Team fertig ist, wird gleich vor dem Mikrofon geprobt und anschließend aufgenommen. Nachfolgend eine mögliche Erweiterung der Einleitung (E1) auf einen zweisprachigen Modus (hier wieder Englisch-Deutsch):
E1 zweisprachig:
Peter (E): Hello, how are You? I'm Peter! We´re going to tell you a story about a terrible ghost castle. Is'nt it, Clara?
Clara (E): I do'nt know. What do you think, Jasmin?
Jasmin (D): O klar, heute geht's um ein Geisterschloss! Drei Leute -
Robert (D): Nein, vier! -
Jasmin (D): Ach ja, Robert, vier Leute treffen in der Nacht auf ein Geisterschloss - Robert (D): Und haben es betreten und sich gleich verirrt. - Stimmt's?
Peter (E): Yes, it was the darkest night of the year. Four people entered the ghost castle, and inside they got lost.
Es ist also nicht erforderlich, die Erzählpassagen wortwörtlich zu übersetzen. Die Erzählerinnen und Erzähler müssen nur wissen, worum es geht und was sie ansagen wollen. Ein Problem ergibt sich allerdings - etwa bei Türkisch und Deutsch, da selten Kinder deutscher Muttersprache die türkischen Passagen verstehen werden und nicht ohne vorherige Absprache wissen, wann sie an der Reihe sind, wenn ihnen auf Türkisch das Wort übergeben wird. In diesem Fall können die türkischen Kindern mit den deutschen Schlüsselsätze ausmachen. Etwa: "Und jetzt kommst du" auf Türkisch. Das Kind deutscher Muttersprache kennt diesen Satz und kann jetzt seinen Text beginnen.
Szenenprobe und Aufnahme der Hörszenen:
Nachdem diese Erzählszene aufgenommen ist, folgt die erste Hörszene. Diese wird gemeinsam mit den Sprechszenen und Hintergrundsgeräuschen aufgenommen, auch in einem für beide Sprachen. Zunächst probt der Geräuschechor passende Geisterstimmen, quietschende Türen, flatternde Fledermäuse. Dann proben die vier Sprecher/innen in Sprache 1 ihre Dialoge (es sind die Personen, die sich im Schloss verirren), dann andere vier SprecherInnen in Sprache 2. Auch hier können die verschieden sprachigen Teile leicht voneinander abweichen. Die Aufnahme erfolgt nach einem einfachen Schema:
Die gesamte Szene ist von Hintergrundsgeräuschen unterlegt. Die Kinder stehen im Halbkreis in 2 bis 3 m Entfernung vom Mikrofon.
Alle acht Sprecherinnen und Sprecher (vier für jede Sprache) stehen direkt vor dem Mikro. Der Dialog der Sprecherinnen in Sprache 1 wird gesprochen. Während die Hintergrundsgeräusche andauern, sprechen die Sprecher in Sprache 2 ihren Dialog. Die Hintergrundsgeräusche "faden" aus.
Zwischen dem Sprachwechsel gibt es kein akustisches Zeichen, keine Zäsur. Die Sprachen gehen nahtlos ineinander über. Zunächst wird hier eine abstrakte Ebene angespielt. Es könnten sich im Schloss auch acht Personen befinden. Aber das sollen die Zuhörerinnen und Zuhörer für sich entscheiden.
Grundsätzliches zur Aufnahmetechnik:
Am besten ist es, wenn die Betreuungsperson das Mikrofon frei hält und von den Proben her weiß, wer von den Sprechern gerade an der Reihe ist. Eine zweite Betreuungsperson sollte das Aufnahmegerät bedienen. Ist eine Aufnahme abgeschlossen, z.B. die Einleitung (E1), dann kann ausgeschaltet werden, ohne zurückzuspulen. Wollen die Kinder unbedingt einen Teil gleich hören, ist es wichtig, bei Kassettengeräten die richtige Stelle zu finden, wo die Aufnahme fortgesetzt wird. Bei Minidisc-Rekordern wird einfach ein nächster Track angespielt.
Gemeinsames Anhören:
Nachdem alle Teile aufgenommen sind, wird das gesamte Ergebnis mindestens zweimal vorgespielt. Es ist sehr spannend, das Wechselspiel zwischen den beiden Sprachen und das Zusammenspiel von Sprechrollen und Hintergrundsgeräuschen zu hören. Natürlich werden die Aufnahmen nicht perfekt klingen. Übersteuerungen und Sprechfehler wird es wohl geben. Eine tontechnische Nachbearbeitung ist natürlich möglich, aber der Reiz des Augenblicks wiegt weit mehr, wenn beispielsweise alle Schnaufer, Räuspergeräusche und unbeabsichtigte Nebengeräusche zu hören sind. Es wird vorgeschlagen, die unbearbeitete Version stets zu archivieren, weil sie bestimmte Momente festhält, die dann in einer geglätteten Version verloren gehen.
Reduktions- und Erweiterungsmöglichkeiten:
Am Beginn der Beschäftigung mit dem Thema Hörspiel könnte auch nur eine einzige Szene aufgegriffen werden, welche Dialoge und Hintergrundsgeräusche beinhaltet. Und zu dieser Monoszene kann dann eine Einleitung und einen Schluss verfasst werden, die von je zwei Kindern jeweils in einer Sprache gesprochen werden.
Rahmenbedingungen für das Projekt "Hörspiel"
| Allgemeine Ziele | Aufnahme einer Handlung. |
| Themen | Freie Themen, zu denen die Kinder einen Bezug haben. |
| Spielergebnis, Produkt | Tonaufnahme, Sendungsmodule für Radiosendungen. |
| Präsentationsmöglichkeit | Einsetzbarkeit in Sendungen, Präsentation bei Veranstaltungen. |
| Sprachen | Zweisprachig. |
| Arbeitsweise | Arbeit in der gesamten Gruppe und in Kleingruppen. |
| Teilnehmer | 10 bis 25 Kinder. |
| Alter der TN | 8 bis 13 Jahre. |
| Dauer | 3 (Schul-)Stunde Vorbereitung. |
| Betreuungspersonen | Zwei Betreuungspersonen. |
| Geräte | Eine Tonaufnahmeeinheit mit Wiedergabemöglichkeit (Mikrofon und Rekorder, Kassettengerät mit eingebautem Mikrofon). |
| Vorbereitungszeit/Vorkenntnisse | Handhabung der Geräte (Aufnahme, Wiedergabe), ev. Nachbearbeitung. |
| Räumlichkeiten | Ein Innenraum. |
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