Bilder bewerten lernen I - Das "Eiswürfelspiel"
Wer im medienpädagogischen Bereich wahrnehmungsorientiert arbeitet und einen Schwerpunkt auf die Vermittlung und Aneignung formaler Medienästhetiken legt, der muss dafür Sorge tragen, dass die Kinder überhaupt zu intensiver Wahrnehmung in der Lage und Willens sind. Denn nur durch Beobachtung, durch genaues Hinsehen und das Bewusstsein für kleine Unterschiede und Details lässt sich Lernzuwachs und Kompetenzerweiterung erreichen. Werden die Rezipienten hierfür nicht in ausreichendem Maße gewonnen, verfehlt der Ansatz sein Ziel. Jugendliche, auch solche aus sozial benachteiligenden Verhältnissen, so RÖLL, sind aus verschiedenen Gründen für einen solchen Ansatz offen (vgl. RÖLL 1998). Das heißt aber noch lange nicht, dass man den Ansatz uneingeschränkt auf die Arbeit mit Kindern (mit Migrationshintergrund) übertragen kann. Das Vorhaben kann allein an der geringeren Aufmerksamkeitsspanne und den Belastungen durch den Schulvormittag der Kinder scheitern. Die medienpädagogische Konzeption muss nach Möglichkeiten suchen, wie Wahrnehmung für Kinder interessant, spannend und weniger komplex/überfordernd gemacht werden kann. Ein strukturierter didaktischer Rahmen ist aus meiner Sicht sinnvoll.
Ziel des "Eiswürfelspiels" ist es, die Kinder für die Beurteilung von (Stand-) Bildern zu sensibilisieren. Bilder zu beurteilen fällt Kindern in der Regel schwer. Sie müssen einerseits die Bereitschaft aufbringen, sich längere Zeit intensiv mit einem Bild auseinanderzusetzen, was in der Praxis mit Schwierigkeiten verbunden sein kann (Aufmerksamkeit, Interesse, Bewegungsdrang). Andererseits verfügen nur wenige Kinder über spezifische Kriterien der Bildbeurteilung, so dass deren Einschätzungen häufig nicht über 'gut' bzw. 'schlecht' hinausgehen.
Mit folgender spielerischer Übung sollen die Kinder behutsam an die differenzierte Bildbetrachtung herangeführt werden. Alle Teilnehmer/innen bilden einen Sitzkreis. Die MB legt eine mit verschiedenen Lebensmitteln gefüllte Eiswürfelformschale in die Mitte des Kreises. Jede Eiswürfelvertiefung wurde zuvor mit jeweils einer kleinen Lebensmittelprobe bestückt (im Idealfall auch Lebensmittel, die die Kinder aus ihren Heimatländern kennen). Möglich sind u. a.: Nutella, Senf, Oliven, Tomaten, Paprika, Chili, Salz, Gurken, Honig, Spinat, Lakritze, ...
Die MB bringt einen Würfel ins Spiel und lässt das erste Kind würfeln. Der gewürfelte Wert wird an den Kästchen abgetragen und das Kind probiert die Lebensmittelprobe aus dem erwürfelten Kästchen.

- Abbildung 51: Szene aus der Geschmacks- Würfel-Übung.
Anschließend teilt es den anderen mit, ob die Lebensmittelprobe gut schmeckt oder nicht (bei besonders wenig beliebten Proben reicht es, wenn der Teilnehmer an der Probe riecht).
Der Würfelwert des folgenden Kindes wird vom zuvor gewürfelten Kästchen gezählt. Der Vorgang wiederholt sich, bis ca. 50 % der Proben probiert wurden. Wichtig bei dieser Ubung ist, dass sich die Kinder zum Geschmackserlebnis äußern und den Geschmack näher beschreiben (zu süß, zu salzig, zu scharf, ...). Input der MB: Ihr habt gesehen, es gibt immer Dinge, die man mag und andere, die man nicht mag. Häufig sind die Geschmäcker verschieden. Was Erkan mag, muss Mustafa noch lange nicht mögen. Unterschiedliche Geschmäcker gibt es übrigens nicht nur bei Lebensmitteln, sondern auch bei anderen Sachen. Bei Bildern zum Beispiel."
Die MB legt ca. 16 verschiedene Bilder auf den Boden in die Mitte des Kreises. Die Anordnung ist ähnlich wie beim Eiswürfelspiel. Zwei Reihen zu je acht Bildern. Die Kinder würfeln wieder nach dem selben Prinzip und müssen zu dem erwürfelten Bild ein Statement, eine Wertung abgeben. Beim Sampling der Bilder muss darauf geachtet werden, dass Bilder ausgewählt werden, die die gewünschten Beurteilungs-Kriterien sehr klar und anschaulich in sich tragen. In Frage kommen ungewollt verwackelte Bilder, zu dunkle Bilder (Gegenlicht); Bilder, bei denen Teile der Objekte ungewollt abgeschnitten sind; Bilder mit gelungener Bildaufteilung; Bilder, die problematische Inhalte zeigen (z. B. Kriegsaufnahmen). Im Sinne der Subjektorientierung kann die MB Bildmaterial verwenden, das von den Kindern zuvor selbst erstellt wurde (z. B. Einzelbilder aus Videosequenzen). Dies ist allerdings mit einem hohen zeitlichen Aufwand verbunden.
Die Kinder lernen im Rahmen dieser Ubung anhand des Bildmaterials verschiedene inhaltliche und formale Kriterien selbstentdeckend kennen. Die MB kann nachfragen, wie die Aufnahmen entstanden sind, und was man tun kann, um die Aufnahmen zu verbessern.
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